Ein Mann trägt an einer Strassenkreuzung in Cusco ein gestreiftes Textil.
Eine Frau geht mit einem gestreiften Bündel auf dem Rücken durch eine Strasse in Cusco.

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Sie trägt nicht nur ein Kind. Sie trägt eine Geschichte.

In ihr liegen Hoffnung, manchmal Mais, manchmal Stille.

Ihre Fäden formen Muster, die Geschichten aus Perus Vergangenheit bewahren.

Auf dem Rücken einer Frau zieht die Manta mit diesen Geschichten weiter durch Cusco.

Bevor ich überhaupt begreifen konnte, was eine Manta ist, hatte mich längst eine getragen.

MANTA

Geschichten, die sie trägt

eine Reportage von Yuri Fontanive

Mach es dir gemütlich, hol dir einen Kaffee und nimm dir Zeit für die Geschichte.

Was mich trug

Yuri als Kind auf dem Rücken seines Vaters, getragen in einer rot gestreiften Manta.

Auf diesem Foto bin ich vielleicht zwei Jahre alt. Ich sitze auf dem Rücken meines Vaters und trinke aus einem Fläschchen, fest an ihn gebunden mit einem gewebten Tuch. Einer Manta.

Der rote Stoff mit den grünen und gelben Streifen ist vorne über seiner Brust zu einem grossen Knoten geschlungen. Wir befinden uns auf dem Bild nicht, wie man vermuten könnte, in den peruanischen Anden, sondern in der Schweiz. Ein Vater, der sein Kind so trägt, war hier ein ungewohnter Anblick.

Mein Vater stammt aus Italien, meine Mutter aus Peru. Wir führten keinen durch und durch peruanisch geprägten Haushalt. Mantas tauchten vor allem dann auf, wenn wir andere peruanische Familien besuchten oder Feste feierten. Und natürlich waren sie allgegenwärtig, wenn wir zu meinen Verwandten in die Andenregion reisten.

Für mich stand dieses Tuch immer stellvertretend für Peru. Als Kind fragte ich nie nach den Details. Ich wusste, wie eine Manta aussieht und wofür man sie verwendet. Doch wer sie webt und was die Stoffe den Menschen vor Ort bedeuten, wusste ich nicht.

Was trägt eine Manta? Und was trägt sie weiter?

Die Suche beginnt

Ein kleiner Hund trägt am Flughafen in Lima eine farbig gemusterte Jacke.
Ein Passagierflugzeug steht auf dem Flughafen von Cusco vor der dicht bebauten Berglandschaft.
Eine Kamera, ein Notizbuch und ein Laptop liegen auf einer farbig gestreiften Manta.
Mehrere Waren und Taschen stehen auf dem Pflaster; ein grosses Bündel ist in eine leuchtend pinke Manta geschnürt.
Eine Frau geht mit einer grossen gestreiften Manta auf dem Rücken durch einen Markt in Cusco.

Mit dieser Frage lande ich in Peru. Schon am Flughafen in der Hauptstadt Lima fallen mir die textilen Muster auf Kleidern und Taschen auf. Ein kleiner Hund trippelt in einer winzigen Manta vorbei. Ich mache ein Foto.

Der Weiterflug bringt mich in die Heimatstadt meiner Mutter. Cusco liegt auf knapp 3400 Metern Höhe. Die Luft ist dünn, das Licht hart. Dreimal war ich bereits hier, um meine Familie zu besuchen.

Doch dieses Mal ist mein Blick ein anderer. In den kommenden Wochen bin ich Beobachter. Mit Kamera und Notizbuch will ich hinter die bunten Muster schauen. Ich möchte den Weg der Stoffe zurückverfolgen und die Menschen treffen, die sie täglich herstellen und nutzen.

Schon im Taxi vom Flughafen in die Stadt sehe ich sie am Strassenrand. Menschen tragen Früchte und Gemüse in Tüchern auf dem Rücken. Einige verkaufen ihre Ware direkt dort, wo der Verkehr vorbeizieht.

Am nächsten Morgen verdichtet sich das Bild auf dem Markt. Eine Frau bindet ein schweres Bündel auf ihren Rücken. Zwei Knoten, ein Griff, fertig. Ein paar Meter weiter trägt eine Manta ein Kind. Andere Tücher liegen unter der Auslage, wärmen Schultern oder hängen als farbige Souvenirs an einem Stand.

Wissen reicht nicht

Bevor ich nach Cusco kam, las ich viel über Fasern, Farben und Webtechniken. Im Centro de Textiles Tradicionales del Cusco suche ich nun nach der Praxis. Die Organisation, gegründet von der Weberin Nilda Callañaupa Alvarez, bewahrt andines Textilwissen vor dem Verschwinden.

In der Ausstellung «Tejiendo la vida» wird der gesamte Weg eines Textils greifbar. Die Schau zeigt das Spinnen mit der Handspindel, das Färben mit Pflanzen und die Arbeit an prähispanischen Webstühlen. Die zentrale Botschaft lautet: Textilien sind nicht nur Gebrauchsgegenstände, sondern vermitteln Herkunft, Gemeinschaft und eine eigene Lebensweise.

Wer die Tücher verstehen will, muss genau hinsehen. Forscherinnen wie die Anthropologin Sophie Desrosiers oder die Textilhistorikerin Ann Pollard Rowe belegen in ihren Studien, dass diese Gewebe einer tief verankerten kulturellen Logik folgen.

Ich betrachte die kunstvollen Stoffe und studiere den Unterschied zwischen zwei Begriffen, die im Alltag oft verschwimmen. Die indigene Quechua-Sprache nennt das traditionelle Schultertuch der Frauen Lliklla. Es misst in der Regel rund einen auf einen Meter und besteht klassischerweise aus zwei identischen Hälften. Diese werden nach dem Weben in der Mitte durch eine aufwendige Ziernaht verbunden. Zusammengehalten wird das Tuch auf der Brust mit einem Tupu, einer grossen metallenen Nadel.

Für Expertinnen wie Gail Silverman sind solche Textilien gewebte Informationsträger. Die komplexen Muster, das sogenannte Pallay, verraten die genaue Herkunft, den sozialen Status und die Weltsicht der Weberin.

Die spanischen Eroberer hatten für diese Form der textilen Kommunikation kein eigenes Wort. Sie fassten die andinen Gewebe aus Unwissenheit schlicht unter dem Begriff Manta zusammen, dem spanischen Wort für Decke oder Überwurf. Aus der administrativen Notwendigkeit der Kolonialzeit wurde eine sprachliche Vereinfachung, die sich im peruanischen Alltag bis heute fest verankert hat.

So wird eine meisterhafte Lliklla auf dem städtischen Markt heute meist einfach als Manta bezeichnet, obwohl sie sich in Struktur und Bedeutung fundamental von einer schlichten Decke unterscheidet. Ich lese die Beschreibungen der Stücke und erkenne, wie komplex diese gewebte Sprache ist. Doch hinter den Schaugläsern des Museums bleibt das Handwerk still.

Die Aussenfassade des Centro de Textiles Tradicionales del Cusco unter blauem Himmel.

Um den eigentlichen Ursprung dieser Fäden zu greifen, fahre ich hinauf zum Textilzentrum Manos de la Comunidad. Es liegt etwas ausserhalb des Stadtzentrums, noch ein Stück weiter oben als die Inka-Ruinen von Saqsaywaman.

Auf dem Gelände angekommen, lerne ich sofort die tierische Belegschaft kennen. Ein Lama reckt neugierig den Hals und sieht mir tief in die Augen. Mit seiner zotteligen Frisur ist das ein durch und durch herzerwärmender, süsser Anblick. Erst als das Tier noch einen Schritt auf mich zumacht, hoffe ich inständig, dass ich nicht gleich angespuckt werde. Doch das Lama bleibt gelassen.

Es ist nicht der einzige flauschige Bewohner hier, denn auf dem Gelände sind alle vier südamerikanischen Kamelarten versammelt. Sie alle liefern den Frauen die Wolle, und genau dieses Material entscheidet am Ende darüber, was aus einem Faden überhaupt werden kann.

Zuerst fallen mir die optischen Unterschiede auf. Lamas sind deutlich grösser, haben markante, gebogene Ohren und ein längeres Gesicht. Sie liefern robuste, eher raue Fasern für dicke Decken oder Seile. Ihr wilder Vorfahre, das Guanako, steht mit seinem schlanken Körper, dem rötlichbraunen Fell und dem grauen Gesicht dicht daneben.

Alpakas hingegen sind kleiner, gedrungener und am ganzen Körper dicht bewollt. Die meisten gehören der Huacaya-Rasse an, deren gekräuseltes Vlies sie wie flauschige Teddybären aussehen lässt. Hier grasen jedoch auch Tiere der selteneren Suri-Rasse. Je nach Schätzung machen sie rund zehn bis zwanzig Prozent der weltweiten Alpaka-Population aus und fallen durch ihre langen, seidigen Locken auf, die fast bis zum Boden hängen. Eine weitere Besonderheit der Alpakas ist ihre enorme farbliche Vielfalt: Die Natur schenkt ihnen über zwanzig verschiedene Töne, von Schneeweiss über sanftes Beige und Grau bis hin zu Tiefschwarz.

Auf Märkten und in den Boutiquen von Cusco liest man zudem überall von «Baby Alpaca». Die Bezeichnung hat jedoch nichts mit Tierbabys zu tun. Sie bezeichnet eine Faserqualitätsklasse: Nach peruanischer Klassifikation umfasst «Baby» besonders feine Fasern mit einem Durchmesser von höchstens 23 Mikrometern.

Noch feiner ist die Faser der Vikunjas, die ebenfalls auf dem Gelände stehen. Serfor gibt ihre Feinheit mit 12 bis 13 Mikrometern an. Damit zählt sie zu den feinsten und wertvollsten tierischen Fasern der Welt.

Anders als ihre domestizierten Verwandten sind Vikunjas, genau wie Guanakos, geschützte Wildtiere. In den Sechzigerjahren waren sie beinahe ausgerottet. Nach jahrzehntelangem Schutz meldete Serfor im Mai 2026 wieder mehr als 360 000 Vikunjas in Peru. Fang, Schur und Handel mit ihrer Faser sind gesetzlich geregelt.

Ein paar Schritte weiter sitzen zwei Weberinnen und arbeiten live an zwei neuen Stücken. Erst hier wird wirklich sichtbar, wie viel Zeit, Kraft und harte Arbeit in jedem einzelnen Gewebe stecken. Die beiden sprechen ausschliesslich Quechua. Eine dritte Weberin, die mich durch das Zentrum führt, hilft mir beim Übersetzen.

So kann ich Fragen stellen und erhalte einen faszinierenden Einblick aus der direkten Perspektive der Frauen. Die Weberin führt mir vor, wie aus der losen Wolle auf der Handspindel ein festes Garn entsteht und wie dieses danach verarbeitet wird.

Besonders eindrücklich ist das Färben. Die Naturtöne der Tiere, also das Schwarz, Braun oder Grau, werden meist unbearbeitet verwoben. Doch für die leuchtenden, bunten Muster brauchen die Frauen eine weisse Leinwand.

Dafür kochen die Weberinnen das frisch gesponnene, weisse Wollgarn zusammen mit getrockneten Pflanzen, Baumrinden, Flechten oder Kräutern wie der Ch’illca in grossen Töpfen über Stunden auf. Damit die Pigmente tief in die Faser eindringen und dauerhaft halten, braucht es ein Beizmittel. Dafür nutzen sie Piedra Alumbre, einen mineralischen Alaunstein. Er löst sich im heissen Wasser auf und bildet eine feste Verbindung zwischen der tierischen Faser und dem natürlichen Farbstoff.

Dadurch nimmt das Garn die Farbe gleichmässiger auf und wird widerstandsfähiger. Je nach Kochzeit und Pflanzenteil entstehen so erdige, gelbe oder grüne Töne.

Für das weltberühmte, tief leuchtende Rot braucht es jedoch keine Pflanze. Dieser intensive Farbstoff stammt von einer winzigen Schildlaus, der Cochenille. Um mir das zu zeigen, opfert die Weberin ein solches Insekt und zerdrückt es in ihrer Handfläche. Ein tiefes Rot kommt zum Vorschein. Reibt sie nun ein wenig von dem Alaunstein über das Pigment auf ihrer Haut, verwandelt sich die Farbe fast wie durch Zauberei in ein leuchtendes Rosa.

Das kleine Experiment zeigt, wie empfindlich der Farbstoff ist. Er reagiert unmittelbar auf saure und alkalische Zutaten. Ein leicht veränderter pH-Wert reicht später im Farbbad aus, um den Ton augenblicklich zu verwandeln. Doch bevor genau dieses Rot ein Garn durchdringt, beginnt sein Weg auf den Blättern des Feigenkaktus, der in Peru Tuna genannt wird.

Eine Farbe, viele Töne

Unter einer weissen Schicht

Genau auf diesen Kakteen lebt die Cochenille. Eine weisse Wachsschicht schützt das kleine Insekt vor der rauen Andensonne. Unter dieser unscheinbaren Hülle verbirgt sich ein intensiver roter Farbstoff.

Rot aus einem Insekt

Nach der Ernte werden die winzigen Tiere getrocknet und traditionell mit einem Stein zerrieben. Das setzt Karminsäure frei. Genau dieser Stoff erzeugt das berühmte, leuchtende Rot der Andentextilien.

Eine Farbe, viele Töne

Der Farbstoff der Cochenille reagiert extrem sensibel auf den Säuregehalt. Saure und alkalische Naturstoffe können seinen Ton im heissen Farbbad augenblicklich verwandeln.

Sauer

Ein Spritzer frische Limette macht das Wasser sauer. Die Reaktion erfolgt sofort. Das Karmin verschiebt sich in ein warmes, leuchtendes Orangerot.

Alkalisch

Eine Handvoll frische Holzasche macht das Wasser hingegen alkalisch. Das Farbbad verdunkelt sich schlagartig und das Garn nimmt ein tiefes Weinrot oder Violett an.

Die Sprache der Farben

In jedem dieser Farbtöne steckt jahrhundertealtes Wissen. Kein Färbegang gleicht dem anderen, weil die wilde Natur keine starren Regeln kennt. Die Struktur der Wolle, das verwendete Wasser und die Intuition am kochenden Topf entscheiden am Ende über die exakte Nuance. So entstehen neben den markanten Haupttönen noch unzählige weitere feine Abstufungen, die das wahre Geheimnis dieser textilen Kultur ausmachen.

Weitere Naturfarben

  • Aus den Früchten der Hierba santa, vor Ort Kalalu genannt.
  • Aus der Pawawblüte, aus Purpurmais oder der Kishkakishka.
  • Aus den Wurzeln der Chapichapipflanze oder den Samen des Achiotestrauchs.
  • Aus den Blüten der Mullacapflanze oder der Kartoffel Solanum stenotonum.
  • Aus der Wurzel des Kellu chchuru oder den Blättern des Mollebaums.
  • Aus den Schoten des Tarabaums, der Vitocfrucht oder direkt aus schwarzer Alpakawolle.
  • Aus Walnussschalen, der Rinde des Algarrobobaums oder ungebleichtem Naturhaar.

Auf 3821 Metern

Eine gute Recherche entwickelt oft eine ganz eigene Eigendynamik. Alles beginnt mit einem Gespräch in Cusco, bei dem ich meiner Kollegin Soledad und ihrem Freund Renato von meinem Projekt erzähle. Meine Begeisterung für die traditionellen Mantas sorgt bei den beiden zunächst für erstaunte Blicke, schlägt dann aber schnell in pure Faszination um.

Renato verfolgt die textile Geschichte der Region schon lange und weiss genau, wo meine Suche enden muss. Er schwärmt von Patacancha. Obwohl er selbst noch nie den Fuss in dieses entlegene Dorf gesetzt hat, eilt dem Ort ein geradezu mythischer Ruf voraus. Nirgendwo sonst seien die Stoffe so unverfälscht, nirgendwo sonst die Farben so intensiv. Dieser Tipp lässt mich nicht mehr los.

Von Cusco nach Patacancha

Gefahrene Route von Cusco über Ollantaytambo nach Patacancha, mit Höhenverlauf. Gesamtlänge 76.1 km, höchster Punkt 3’823 m über Meer.

  1. Cusco: 3’402 m über Meer
  2. Ollantaytambo: 2’845 m über Meer
  3. Patacancha: 3’810 m über Meer

Ein paar Tage später hat Soledad spontan Zeit. Das ist die perfekte Gelegenheit aufzubrechen. Dass ich ausgerechnet an diesem Morgen mit starken Halsschmerzen aufwache, lässt mich zwar kurz zögern. Ein klares Bauchgefühl drängt mich jedoch zur Abfahrt.

Ich raffe mich auf und fahre von Cusco zunächst nach Ollantaytambo ins Valle Sagrado, das Heilige Tal der Inka, wo ich Soledad treffe. Für mich ist diese Stadt weit mehr als nur eine Zwischenstation, denn schon meine Urgrosseltern haben hier gelebt. Durch ihre eigenen familiären Wurzeln kennt Soledad das ländliche Peru ebenfalls bestens und begleitet mich von nun an als Übersetzerin.

Wir haben keine Zeit, lange in Erinnerungen zu schwelgen, sondern fragen uns durch, bis wir an einem kiesigen Parkplatz neben einem kleinen Eckladen ein Colectivo finden. Diese lokalen Sammeltaxis sind das wichtigste Transportmittel in der Region und wir ergattern prompt die letzten beiden Plätze im vollbesetzten Wagen.

Vor der Abfahrt decken wir uns im Laden noch mit Reis, Nudeln, Zucker und Mehl ein. Da wir unangemeldet nach Patacancha fahren und die Einkommensmöglichkeiten in den entlegenen Bergdörfern begrenzt sind, wollen wir die Zeit der Menschen dort wenigstens mit einem nützlichen Gastgeschenk würdigen.

Die Fahrt dauert eine knappe Dreiviertelstunde. Die unbefestigte Strasse ist holprig, voller Schlaglöcher und folgt dem Río Patacancha durch eine tiefe Schlucht hinauf. Im Wagen ist es laut. Um uns herum sitzen Schulkinder auf dem Nachhauseweg und der Fahrer hält immer wieder an, um jemanden aussteigen zu lassen.

Wir kommen mit ihm ins Gespräch und erzählen von meiner Suche nach den Mantas. Er lächelt und macht uns ein Angebot, das wie ein unglaublicher Zufall wirkt. Seine Frau sei die Präsidentin der örtlichen Textilkooperative in Patacancha und wir könnten sie direkt besuchen.

Als wir das Dorf auf 3821 Metern über Meer erreichen, macht sich die dünne Luft bei jedem Schritt bemerkbar. Die Sonne brennt zwar stark auf die Haut und spendet ein wenig Wärme, doch sobald man in den Schatten tritt, spürt man sofort die klirrende Kälte des Hochgebirges. Der Fahrer bringt uns direkt zu seinem Haus, wo seine Frau bereits auf uns wartet.

Sie hat vor dem Gebäude einen kleinen Tisch aufgebaut und Textilien, Garne sowie all ihre Werkzeuge sorgfältig ausgebreitet. Ihr kleines Kind weicht ihr dabei nicht von der Seite. Die Weberin versteht mein Spanisch zwar problemlos, antwortet selbst jedoch ausschliesslich auf Quechua. Da Soledad ihre Erklärungen für mich übersetzt, verschwindet diese sprachliche Barriere schnell und es entsteht sofort eine vertraute, herzliche Atmosphäre.

Sie erzählt mir, wie Farben, Formen und Muster von Region zu Region variieren und dass in den gewebten Motiven ganze Geschichten bewahrt seien. Zu meiner grossen Überraschung holt sie schliesslich eine alte Manta ihrer Urururgrossmutter hervor. Selbst Soledad ist völlig fasziniert, solch ein seltenes Erbstück hat auch sie noch nie aus der Nähe gesehen. In diesen Tälern gilt der Grundsatz, je älter eine Manta ist, desto wertvoller wird sie. Denn das Wissen, das in ihr steckt, überdauert Generationen.

Zunächst sehe ich in dem dichten Gewebe einfach nur wunderschöne eingewebte Motive. Doch dann beginnt sie, mir die Bedeutung der einzelnen Bilder zu erklären. Mit jedem übersetzten Wort scheinen die Fäden vor meinen Augen plötzlich zum Leben zu erwachen. Ich bin absolut sprachlos.

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En esta manta, el verde representa la tierra donde vivimos.

In dieser Manta steht das Grün für das Land, auf dem wir leben.

Uno de los diseños representa el río de Patacancha.

Eines der Muster stellt den Fluss von Patacancha dar.

En nuestras mantas aparecen los animales que nos rodean, como la vizcacha, el puma y el cóndor, pero también las estrellas y el cielo.

Auf unseren Mantas erscheinen Tiere, die uns umgeben, etwa das Viscacha, der Puma und der Kondor, aber auch die Sterne und der Himmel.

Desde los diez años empezamos con pequeños trabajos, como hilar la lana. Yo aprendí a tejer una manta a los trece.

Ab einem Alter von ungefähr zehn Jahren beginnen wir mit kleineren Arbeiten, etwa dem Spinnen der Wolle. Ich lernte mit dreizehn, eine Manta zu weben.

Tengo siete mantas. Las uso a diario, para cargar a mi bebé, para ir al mercado y para ocasiones especiales.

Ich besitze sieben Mantas. Ich verwende sie im Alltag, um mein Baby zu tragen, für den Markt und für besondere Anlässe.

Das Webhandwerk hinter der Manta

Das Webhandwerk hinter der Manta

Die Zahlen hinter der Tradition. Wer in den offiziellen Registern nach den Menschen hinter der Manta sucht, stösst zunächst auf einen gewaltigen Berg abstrakter Zahlen. Um greifbar zu machen, wie viele Personen in der Region Cusco dieses textile Erbe pflegen, übersetzt die folgende Darstellung die trockenen Akten in ein lebendiges Bild. Sie filtert die Daten Schicht für Schicht und führt uns visuell exakt an jene Gruppe heran, die das Herzstück dieser uralten Handwerkskunst bildet.

Ein Faden, eine Person. Sieh dir diesen einzelnen leuchtenden Faden an. Er steht für exakt einen Menschen, der im staatlichen Handwerksregister eingetragen ist. Zwar verrät uns dieser Faden noch nicht, ob die Person heute aktiv am Webstuhl sitzt oder welche Textilien sie genau anfertigt. Doch genau hier beginnt unsere Suche.

  1. Ein Faden, eine Person

    Sieh dir diesen einzelnen leuchtenden Faden an. Er steht für exakt einen Menschen, der im staatlichen Handwerksregister eingetragen ist. Zwar verrät uns dieser Faden noch nicht, ob die Person heute aktiv am Webstuhl sitzt oder welche Textilien sie genau anfertigt. Doch genau hier beginnt unsere Suche.

  2. 14’101 Einträge im Departamento Cusco

    Das Register verzeichnet in der gesamten Region Cusco exakt 14’101 eingetragene Personen. Jeder Faden bleibt in allen folgenden Ansichten dieselbe visuelle Einheit. So wird greifbar, wie sich die Gesamtmenge schrittweise eingrenzt.

  3. Textilería bildet das Fundament

    Satte 10’227 der 14’101 Einträge gehören zur Handwerkslinie Textilería, also zu textilen Arbeiten. Das sind 72,5 Prozent aller Registrierungen. Diese gigantische Mehrheit zeigt die überragende Bedeutung des gewebten Erbes, umfasst aber auch Stickereien oder Strickarbeiten.

  4. 5’149 Webende am Webstuhl

    Exakt 5’149 Einträge entfallen auf die Unterlinie ‹Tejido en telar o tejido plano›, also das Weben am Webstuhl oder Flachweben. Das ist gut die Hälfte der gesamten Textilbranche. Diese Gruppe bildet die engste Annäherung an Menschen, die Tücher wie die Manta herstellen.

  5. Das Handwerk ist fest in Frauenhand

    In dieser Gruppe sind 4’310 Frauen und 839 Männer eingetragen. Frauen stellen mit 83,7 Prozent die überwältigende Mehrheit im Register. Sie sind das Rückgrat der textilen Tradition, auch wenn das Register nichts über die genaue Arbeitsteilung im Alltag aussagt.

  6. Die Sprache der Textilien ist Quechua

    4’341 der 5’149 registrierten Personen geben Quechua als ihre Muttersprache oder indigene Sprache an. Das entspricht 84,3 Prozent. Die Zahl verdeutlicht, wie untrennbar das Weben mit der indigenen Identität und der Sprache der Inka verwoben ist.

  7. Das Herzland des Webhandwerks

    Knapp 78,8 Prozent aller Einträge konzentrieren sich auf vier Provinzen: Urubamba mit 1’271 Personen, Calca mit 1’055, Paucartambo mit 1’018 und Quispicanchi mit 712 Einträgen. Das Heilige Tal der Inka und die angrenzenden Hochtäler bilden das geographische Zentrum dieser lebendigen Tradition.

  8. Ein Handwerk aller Generationen

    Erwachsene im mittleren Alter bilden mit 3’756 Einträgen und 72,9 Prozent die grösste Gruppe. Zusammen mit 874 älteren Personen und 519 jungen Erwachsenen zeigt das Register eine Kontinuität, in der das Wissen über Generationen weitergegeben wird.

  9. Zwischen Akten und Realität

    Das Register des Ministeriums ist eine administrative Momentaufnahme, keine vollständige Volkszählung. Viele Webende in entlegenen Bergdörfern arbeiten ohne behördliche Registrierung. Dennoch bilden genau diese 5’149 Fäden unsere engste Annäherung an jene Menschen, die das Handwerk rund um die Manta bis heute aktiv bewahren. Die Daten zeigen uns die sichtbare Spitze eines enormen kulturellen Erbes, dessen wahre Wurzeln noch sehr viel tiefer in den Anden verborgen liegen.

Gewobene Geschichte

Die Geschichte der Manta ist weit mehr als die Entwicklung eines einfachen Kleidungsstücks. Sie ist ein textiles Archiv, das Jahrtausende überdauert hat.

Lange vor der Ankunft der Spanier und noch vor der Blütezeit der Inka nutzten die frühen andinen Kulturen bereits Textilien, um ihre Gesellschaften zu ordnen, komplexes Wissen zu speichern und Macht zu demonstrieren. Folgen wir diesem historischen Faden nun zurück an seinen absoluten Anfang und entwirren die Chronologie von den allerersten geknoteten Pflanzenfasern bis zur leuchtenden textilen Vielfalt der Gegenwart.

  1. 10 000 bis 8000 v. Chr.

    Die ältesten textilen Spuren der Anden stammen aus der Zeit weit vor der Entwicklung der ersten Webgeräte. In der hoch gelegenen Guitarrero Höhle fanden Archäologen die weltweit frühesten Belege für die menschliche Verarbeitung von Pflanzenfasern. Die Menschen verflochten hier robuste Agaven und Bromelien zu Korbwaren, Schnüren und simplen Taschen. Diese frühe Handarbeit legte das Fundament für eine Tradition, die das Weben später zur höchsten andinen Kunstform erheben sollte.

    Beschädigtes historisches Textilfragment mit einem eingewebten Motiv.
  2. Um 4000 v. Chr.

    Der Übergang zu echten Geweben gelang an Orten wie der Küstensiedlung Huaca Prieta. Hier entdeckte man das weltweit älteste Webtextil aus Baumwolle. Noch faszinierender ist jedoch die Farbe dieses frühen Fundes. Er liefert den absolut frühesten globalen Nachweis für die Verwendung von pflanzlichem Indigo. Die Menschen nutzten also schon damals leuchtendes Blau und machten Farben zu einem festen strukturellen Teil ihrer Gewebe.

    Rechteckiges Textilfragment mit einem dunklen symmetrischen Muster.
  3. 1000 v. Chr. bis 1000 n. Chr.

    In der Zeit vor den grossen Inkaherrschern erlebte die Webkunst eine enorme Verfeinerung. Die Chavin Kultur nutzte grossformatige Stoffe für rituelle Botschaften, während später in Paracas weltberühmte Grabmäntel entstanden, um die Verstorbenen ins Jenseits zu begleiten. Das nachfolgende Wari Reich entwickelte feinste Tapisserien und hochkomplexe Techniken. Textilien waren nun das wichtigste rituelle Ausdrucksmittel der Anden und spiegelten die absolute soziale Hierarchie wider.

    Stark beschädigtes Textilfragment mit roten und braunen Formen.
  4. 1438 bis 1532

    Mit der rasanten Ausdehnung des Inkareichs stiegen Textilien zum wertvollsten Gut auf, vergleichbar mit Gold in Europa. Bis zur Ankunft der spanischen Eroberer dienten sie als Diplomatenwährung, um Allianzen zu schmieden und Treue zu belohnen. Die Produktion war strikt geteilt. Gewöhnliche Frauen webten grobe Stoffe aus Lamawolle für das Volk, während Spezialistinnen und männliche Meister den kostbaren Cumbistoff aus edelster Alpakawolle exklusiv für den Herrscher fertigten.

    Historisches Textil mit geometrisch gegliederten Musterfeldern.
  5. 15. bis frühes 16. Jahrhundert

    In der textilen Blütezeit der Inka trugen die Frauen bereits die Lliklla, ein rechteckiges Gewebe für die Schultern, das mit einer Schmucknadel auf der Brust fixiert wurde. Es gilt als direkter Vorläufer der heutigen Manta. Während das einfache Volk schlichte Gewebe trug, waren die Stoffe der adligen Damen mit reichen geometrischen Mustern oder auffälligen Farbbändern verziert. Die Lliklla zeigte als visuelles Medium sofort den sozialen Status und die Herkunft der Trägerin an.

    Grosses Textil aus zwei Bahnen mit vielen geometrischen Feldern.
  6. Um 1500

    Da es keine geschriebene Sprache gab, dienten Fäden auch als reine Informationsträger. Der Khipu war das zentrale Speichermedium des mächtigen Inkareichs. An einer Hauptschnur hingen unzählige farbige Nebenschnüre mit extrem präzisen Knoten. Spezialisten verwalteten damit Volkszählungen, Abgaben und die riesigen staatlichen Lagerhäuser. Farben und Knoten klassifizierten landwirtschaftliche Güter oder ganze Lamaherden. Dieses textile Nervensystem garantierte die komplette logistische Kontrolle.

    Khipu mit geknoteten, verschiedenfarbigen Schnüren.
  7. Ab 1532

    Die spanische Eroberung markierte einen radikalen Bruch. Die europäischen Besatzer führten rasch neue Materialien wie Schafwolle oder Seide sowie den massiven hölzernen Pedalwebstuhl ein. Die traditionelle andine Arbeit am Bodenwebstuhl wurde oft in ein System rücksichtsloser Zwangsarbeit in gewaltigen Textilwerkstätten verwandelt. Doch die uralte Handwerkstradition überlebte im Verborgenen. Es entstand eine völlig neue Synthese, in der indigene Kunsthandwerkende europäische Motive mit andinen Techniken verschmolzen.

    Historische Zeichnung zweier Personen bei der Arbeit an einem Webstuhl.
  8. Ab 1950

    Durch den aufkommenden Tourismus und die aktive Förderung von Hilfsorganisationen erlebte das Handwerk eine echte Renaissance. Zwar hielten in der Moderne auch synthetische Garne Einzug, doch gleichzeitig revitalisieren Weberinnenverbände das alte Wissen um Naturfarben. Heute steht der Begriff Manta für eine faszinierende regionale Vielfalt. Die Manta ist weit mehr als nur ein simples Kleidungsstück. Sie ist ein starkes Symbol indigener Selbstbehauptung und kultureller Identität geworden.

    Gemustertes Textil, das über einem hölzernen Gestell liegt.
10 000 v. Chr. 0 Heute

Ein Gewebe, unzählige Orte

Auf meiner bisherigen Recherche stand die Region Cusco im absoluten Zentrum. Die Dominanz dieser Gegend in den Textilarchiven ist kein Zufall. Als einstige Hauptstadt des mächtigen Inkareichs war Cusco das administrative Herz, wo hochspezialisierte Meister die feinsten Stoffe fertigten. Heute halten lokale Organisationen und der Tourismus dieses Wissen lebendig.

Doch wer diese Kultur wirklich dokumentieren will, muss den Blick zwingend ausweiten. Die Region Puno rund um den eisigen Titicacasee birgt Schätze, die den Geweben aus Cusco in nichts nachstehen. Bald werde ich eine grosse Auswahl dieser regionalen Meisterwerke in einem Fachgeschäft im direkten Vergleich betrachten können.

Bis dahin führt mich die geografische Datenlage durch das Land. Jede Comunidad, wie man hier die traditionellen indigenen Dorfgemeinschaften nennt, pflegt nämlich einen völlig eigenen textilen Dialekt. Die gewählten Töne, die Dichte der Fäden und die komplexen geometrischen Muster verraten Eingeweihten sofort, wo genau die feinen Fäden aufgespannt wurden.

Die Manta im Alltag

Wer durch die Strassen von Cusco geht, begegnet der Manta selten im Stillstand. Sie bewegt sich über Märkte und durch Gassen, festgebunden auf einem Rücken. Besonders oft entdecke ich darin ein Baby, eng an den Körper gebunden und mitten im Geschehen. Immer wieder sehe ich, wie der kleine Kopf über eine Schulter ragt, während vorne beide Hände frei bleiben.

Meine eigene Verbindung zur Manta nahm ihren Anfang auf dem Rücken meines Vaters, ganz so, wie es das allererste Bild dieser Geschichte verrät. Vergleiche ich diese Erinnerung heute mit meinen Beobachtungen in Peru, fällt mir sofort ein Kontrast auf. In den Strassen von Cusco sind es nämlich fast ausschliesslich Frauen, die ihre Babys auf genau diese Weise bei sich tragen.

Der kurze Clip stellt die traditionelle Manta und den modernen Rucksack als zwei gegensätzliche Arten gegenüber, ein Baby in Peru zu tragen. Die Manta wird dabei auf dem Rücken so gebunden, dass eine sichere Tasche entsteht, in der das Baby eng und wärmend am Körper sitzt.

Für mich liegt der gewaltige Vorteil dieser Position auf der Hand. Die tragende Person kann ungehindert gehen und arbeiten, während das Baby hoch oben sitzt und über die Schulter hinweg exakt dieselbe Umgebung wahrnimmt. So wird das Kind zum stillen Beobachter des Alltags und kann permanent lernen.

Eine im Jahr 2025 veröffentlichte systematische Übersicht, die vierzehn Studien zu verschiedenen Tragearten auswertet, weist zudem darauf hin, dass passende Tragehilfen den Körper deutlich weniger belasten als das ständige Tragen im Arm.

Eine Publikation von UNICEF aus der Provinz Quispicanchi, mitten in den südperuanischen Anden, beschreibt noch einen Schritt davor. Beim sogenannten Waltado wird das Neugeborene in eine Manta gewickelt und mit einem festen gewebten Gürtel, dem Chumpi, fixiert. Die gespendete Wärme ist ein zentraler Teil der Fürsorge. Gleichzeitig warnt die Publikation vor Risiken, wenn das Baby zu eng gewickelt wird.

«Man wickelt das Baby in eine Manta und bindet es mit dem Chumpi fest, damit es schön warm bleibt.»
Fokusgruppe mit Müttern von Kindern unter sechs Monaten, Provinz Quispicanchi, UNICEF-Studie, 2010.

Gewebte Llicllas und vielseitige Tragestoffe sind in den Anden seit Jahrhunderten dokumentiert. Der berühmte Chronist Felipe Guaman Poma de Ayala zeichnete im frühen siebzehnten Jahrhundert zwar indigene Mütter mit ihren Kindern, doch die Babys der Inka waren damals noch fest auf ein starres Holzbrett namens Quirau geschnallt.

Wann genau dieses Brett verschwand und die Menschen begannen, ihre Neugeborenen exklusiv in die weichen Gewebe zu binden, haben die europäischen Beobachter in den folgenden Jahrhunderten schlichtweg übersehen. Wie sich die flexible und direkte Trageweise von heute entwickelt hat, lässt sich aus den historischen Akten deshalb nicht als absolut lückenlose Linie bis in die Inkazeit zurückverfolgen.

Wie aus einer flachen quadratischen Manta eine sichere Babytrage wird, entscheidet sich in nur wenigen Handgriffen. Die folgenden kurzen Videos zeigen im Detail, wie diese Handgriffe aussehen. Man sieht genau, wie die Manta vorbereitet, das Kind auf den Rücken genommen und der Stoff am Ende fest gesichert wird.

Es gibt in den Anden jedoch nicht die eine einzige korrekte Bindung. Im nächsten Clip ist eine weitere clevere Variante zu sehen, wie der Stoff sicher fixiert wird.

Zwischen Markt und Mode

Auf den farbenfrohen Märkten von Cusco liegen traditionelle Mantas dicht an dicht neben Schals aus günstigem Industriegarn und kleinen gewebten Taschen. Was auf den ersten Blick wie ein rein traditionelles Meer aus Farben wirkt, offenbart bei genauerem Hinsehen eine gewaltige wirtschaftliche Dynamik. Die textilen Traditionen der Anden stehen niemals still. Sie reagieren permanent auf den Alltag, die globale Mode und vor allem auf die knallharten Gesetze der Nachfrage.

Diese Nachfrage zeigt sich besonders deutlich bei den verwendeten Farben. Synthetische Fasern und fertig gekauftes Garn vereinfachen den Arbeitsprozess heute enorm; auf Taquile droht dadurch etwa das zeitaufwendige Handspinnen in Vergessenheit zu geraten. Gleichzeitig gehören Naturfarben, lokale Pflanzen und das tiefe Cochenillerot in den Textilzentren von Chinchero inzwischen fest zu den Vorführungen für internationale Gäste. Die Tradition steht also nicht still: Sie verändert sich mit dem Markt und wird im Tourismus immer wieder neu inszeniert.

Leuchtend gemusterte Mantas, Bänder und touristische Textilwaren hängen dicht nebeneinander an einem Marktstand in Cusco.

Genauso wie die Farben verändern sich unter dem Einfluss globaler Märkte nachweislich auch die Formate und Muster. Dass andines Design heute auf weltweite Wertschätzung stösst, resultiert aus jahrzehntelangen anthropologischen Projekten und gipfelte auf der Insel Taquile sogar in der Anerkennung durch die Unesco.

Doch die renommierte Anthropologin Elayne Zorn dokumentierte in ihrer Arbeit über genau diese Insel auch die Schattenseiten der Entwicklung. Um die enorme touristische Nachfrage zu bedienen, findet eine systematische Rationalisierung statt.

Da viele Kaufende die immense Komplexität traditioneller Muster weder verstehen noch bezahlen können, verringert sich die Anzahl aufwendiger Designflächen. Die rein kommerzielle Ausrichtung birgt die Gefahr, dass spirituelle Werte und die tiefe Bedeutung der Motive im Alltag verloren gehen. Statt ritueller Geschichten bestimmt zunehmend der Verkaufserfolg das Muster auf dem Stoff.

Gleichzeitig reagieren die Kunsthandwerkerinnen auf diese ökonomische Realität mit völlig neuen, alltagsnahen Gebrauchsgegenständen wie Federetuis, die rasch produziert werden können und perfekt ins Reisegepäck passen.

Betrachtet man diese weitreichende Kommerzialisierung, stellt sich unweigerlich die Frage, wer bei diesem Wandel eigentlich die Kontrolle hat. Untersuchungen zur internen Struktur von Textilkooperativen in Chinchero, wie etwa die wirtschaftliche Studie des Forschers Luis Gonzales Salazar, legen offen, wer tatsächlich profitiert.

Entgegen dem romantischen Bild gleichberechtigter Kollektive existieren in den Zentren oft strikte Hierarchien. Die Analysen belegen, dass die Besitzerinnen oder Koordinatorinnen der Stände, die den Verkauf verwalten und oftmals als Einzige Englisch sprechen, den Grossteil der Verkaufsflächen monopolisieren und die grössten Erträge abschöpfen.

Die einfachen Handwerkerinnen hingegen tragen die enorme Last, ihre Präsenzzeit im Zentrum mit der landwirtschaftlichen Arbeit und der familiären Fürsorge koordinieren zu müssen, wie der Anthropologe Cristian Terry in seiner ethnografischen Feldforschung vor Ort dokumentiert. Auch renommierte Organisationen wie das von Nilda Callañaupa gegründete Centro de Textiles Tradicionales del Cusco werden von Wissenschaftlerinnen wie Beatriz Pérez Galán und Norma Fuller oftmals dafür kritisiert, exakt diese Ungleichheiten und Abhängigkeiten weiter zu reproduzieren.

Was ein Tuch trägt

Yuri als Kind auf dem Rücken seines Vaters, getragen in einer rot gestreiften Manta.
Yuri steht in Peru zwischen mehreren Lamas und hält eines von ihnen am Hals.

Damals trug mich mein Vater in einer Manta.

Jahre später führte sie mich zurück nach Peru.

Was mich trug, trägt weiter.

Quellen und Dank

Quellen

  1. Jóvenes Tejedores del Centro de Textiles Tradicionales del Cusco: Las tradiciones viven / Ñawpa Yachayninchiskunaqa Kawsanmi. CTTC und Thrums Books, 2018.
  2. Sophie Desrosiers: Les techniques de tissage ont-elles un sens ? Un mode de lecture des tissus andins. Techniques & Culture 54–55, 2010, S. 263–285.
  3. Ann Pollard Rowe: Warp-Patterned Weaves of the Andes. The Textile Museum, 1977. Im Text nach Martínez Armijo (2005) sowie Arnold und Espejo (2019) rezipiert.
  4. Isabel Angélica Martínez Armijo: Textiles inca en el contexto de la capacocha: función y significado. Abschlussarbeit, Universidad Nacional de San Antonio Abad del Cusco, 2005.
  5. Denise Y. Arnold und Elvira Espejo: Ciencia de tejer en los Andes: Estructuras y técnicas de faz de urdimbre. 2. Auflage, Instituto de Lengua y Cultura Aymara, 2019.
  6. Gail P. Silverman: La metáfora del cuerpo humano: una nueva hipótesis en relación al significado de la iconografía de los textiles de Q’ero. Anthropologica 12, 1994, S. 63–86.
  7. Elena Phipps, Johanna Hecht und Cristina Esteras Martín: The Colonial Andes: Tapestries and Silverwork, 1530–1830. The Metropolitan Museum of Art und Yale University Press, 2004.
  8. PROMPERÚ: Productos a base de alpaca – Países Bajos, 2019. Angaben zu Suri-Anteil, Naturtönen und Faserklassen.
  9. Instituto Nacional de Calidad (INACAL): Requisitos de calidad en la fibra de alpaca nach NTP 231.301:2022, 2024.
  10. Servicio Nacional Forestal y de Fauna Silvestre (SERFOR): Realizarán censo nacional de vicuñas para el bicentenario, 2020. Angabe zur Faserfeinheit.
  11. Servicio Nacional Forestal y de Fauna Silvestre (SERFOR): SERFOR impulsa el VII Foro Nacional de la Vicuña para su desarrollo sostenible, 2026. Ergebnis des V. nationalen Vikunjazensus.
  12. BRouter: eigene Routen- und Höhenaufzeichnung Cusco–Ollantaytambo–Patacancha.
  13. OpenStreetMap-Mitwirkende: Kartendaten der Route Cusco–Ollantaytambo–Patacancha.
  14. Registro Nacional del Artesano: Datensatzseite, Datos Abiertos Perú.
  15. Ministerio de Comercio Exterior y Turismo (MINCETUR): CSV-Rohdaten des Registro Nacional del Artesano.
  16. Ministerio de Comercio Exterior y Turismo (MINCETUR): Datenwörterbuch zum Registro Nacional del Artesano.
  17. John V. Murra: Reciprocity and Redistribution in Andean Civilizations: The 1969 Lewis Henry Morgan Lectures. HAU Books, 2017/2020.
  18. Angelina Huamán Carhuaricra: Tejemos nuestra vida: testimonios sobre el arte textil de Taquile. Instituto Nacional de Cultura, 2009.
  19. María Teresa Taboada-Iglesias et al.: Physical and Physiological Consequences of Babywearing on the Babywearer. Healthcare 13(18), 2025. Systematische Übersicht über 14 Studien.
  20. UNICEF Perú: Representaciones sociales sobre el cuidado y valoración de los recién nacidos: distrito de Ocongate, provincia de Quispicanchi, Cusco, 2010.
  21. Elayne Zorn: Weaving a Future: Tourism, Cloth, and Culture on an Andean Island. University of Iowa Press, 2004. Im Text nach Terry (2021) rezipiert.
  22. Luis Gustabo Gonzáles Salazar: Tejiendo el turismo: un análisis del mercado textil para el turismo en el centro poblado Chinchero, Cusco. Pontificia Universidad Católica del Perú, 2017. Im Text nach Terry (2021) rezipiert.
  23. Cristian Terry: Tourism, Education and Women’s Empowerment: The Case of the Women Weavers of Chinchero (Cusco, Peru). Revista Atlántida 12, 2021, S. 131–157.
  24. Beatriz Pérez Galán und Norma Fuller: Turismo rural comunitario, género y desarrollo en comunidades campesinas e indígenas del sur del Perú. Quaderns de l’Institut Català d’Antropologia 31, 2015, S. 95–119. Im Text nach Terry (2021) rezipiert.

Dank

Diese Reportage entstand nicht allein.

  • Soledad — für die Begleitung nach Patacancha und das Übersetzen aus dem Quechua.
  • Renato — für den Hinweis, ohne den ich Patacancha nie gefunden hätte.
  • [NAME DER WEBERIN IN PATACANCHA] — für Gastfreundschaft, Zeit und die Geschichte ihrer Manta.
  • Den Weberinnen im Centro de Textiles Tradicionales del Cusco und bei Manos de la Comunidad — für jeden erklärten Handgriff.

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